Mittwoch, 16. Juli 2014

Die Tragetaliban, das Gesichterbuch und ich

Von den Tragetaliban, der Berechtigung von Trageberatung, Facebookgruppen, Dogmatikern und meiner Liebe zum Tragen

Und schon wieder: lange war es still hier. Am Ende geht das echte Leben immer vor, und das echte Leben hat in den letzten knapp zehn Monaten noch mehr als sonst vor allem mit Familie zu tun gehabt. Aber inzwischen ist das kleinste Kind hier auch kein ganz kleines Baby mehr und es bleibt wieder ein bißchen mehr Luft neben dem absoluten Kerngeschäft.

Der heutige Blogpost liegt mir schon eine ganze Weile auf der Seele, aber die richtigen Worte wollten sich bislang nicht einstellen.
Ich trage gern und aus Überzeugung. Inzwischen schon das dritte Kind, und ich habe nicht vor, das bei einem vierten Kind anders zu machen. Womit ich trage, hängt sehr von meiner Tagesform und dem, was ich vorhabe, ab.
Als es vor einigen Wochen so affenheiß war, dass mir jeder Faden am Leib einer zuviel war, habe ich im Sling getragen, obwohl das sonst nicht meine bevorzugte Transportweise ist. Ich kriege einfach zu schnell Schulter- und Nackenverspannungen dabei. Für das heiße Wetter war und ist es jetzt wieder genau das richtige, und auch der Wicht hat sich wohlgefühlt. Er ist nämlich eingeschlafen dabei, das passiert nur, wenn es ihm wirklich gutgeht.

Wenn ich auf dem Rücken trage, mache ich das aktuell am liebsten mit der emei. Stundenlang, gar kein Problem. Im Urlaub mehrfach erprobt, das Kind hat geschlafen wie ein Engelchen. Dieselbe Trage geht für mich vorne aber überhaupt nicht gut, ich finde sie unbequem, wenn ich das Baby damit vor dem Bauch habe. Der Hüftgurt rutscht mir dann hoch, die Schultergurte schneiden mir ein, der Lütte schafft es dauernd, sich das Tuch aus den Kniekehlen zu strampeln und hängt dann da wie ein Sack.
Vorne dagegen geht aktuell noch das Buzzidil Babysize am besten, schnellsten und bequemsten.

Und am allerliebsten trage ich den Kleinen nach wie vor im JPMBB, das ist einfach „mein“ Tuch. Kein gewebtes ist für mich ganz privat so bequem und kuschelig. Und ich finde es auch immernoch komfortabel, obwohl mein Wicht ein kleiner Buddha und kein Leichtgewicht ist. Wenn ich mal viel Muße habe, fuchse ich mich in die Bindeweise Double Hammock mit elastischem Tuch nochmal neu ein und hoffe, unsere gemeinsame Franzosenstretchzeit noch verlängern zu können.

Soweit also meine ganz private und persönliche Tragebilanz nach guten neun Monaten Tragezeit mit Kind drei. Kind zwei (wird jetzt bald drei Jahre alt) wird, wenn, in der Manduca auf dem Rücken getragen, das passt für uns prima. Kind eins muß zu ihrem Leidwesen laufen. Oder Fahrrad fahren. Getragen wird sie nur noch mal kurz auf dem Arm, oder klassich huckepack ohne Tragehilfe.

Weil es so schön ist, eine kleine Trageparade - Achtung, Bilderflut: 

 Kind 3 im Franzosenstretch. Oktober 2013. Achtung, dritte Bahn nicht korrekt hochgezogen.
 Kind 2 im Bondolino. Mai 2012. Steg zu schmal, ganz klar.
 Kind 3 in der emei. Mai 2014
 dito. Kind 2 zu Fuß
 Kind 3 in der Manduca. Mai 2014
dito, Kind 1 zu Fuß.
 Kind 3 in der emei, Mai 2014
 dito. Nur auf dem Rücken und im Tiefschlaf. Man beachte kritisch die nicht hundertprozentig korrekte Beinhaltung. Sicher sind Spätfolgen für die Hüften zu erwarten.
 Kind 2 in der Manduca, Kind 3 im Bauch. Mai 2013
 Lilo mit Kind 3 im JPMBB Mai 2013
 dito

Lilo mit Kind 3 in der Manduca, Mai 2014. Oh weh oh weh, der Steg reicht nicht mehr ganz bis in die Kniekehlen. Tragepolizei vor. 

Und damit komme ich zu meinem Knackpunkt, und dem, was mir seit Wochen und Monaten wirklich sauer aufstösst, wenn ich mich durch diverse Tragegruppen im Gesichterbuch (vulgo Facebook) lese: eine Menge Frauen, häufig genug ohne jeglichen fachlichen Hintergrund, haben dort offenbar eine Art missionarischen Auftrag Frauen und Eltern gegenüber, die ihrer Meinung nach mit der „falschen Trage“, dem „verkehrten Tuch“ oder der „falschen Bindeweise“ tragen. Dabei verliert der Ton solcher Debatten sehr schnell jegliche Sachlichkeit, und wenn es richtig rundgeht, gipfeln derlei Threads gerne mal in Aussagen wie „das arme Kind“, oder „dann schieb doch, oder mach dir gleich einen Termin beim Orthopäden, wenn dein Kind später Schäden hat, weil du falsch getragen hast“.

Mir geht beim Lesen solcher Beiträge regelmäßig die Hutschnur hoch. Ich kriege Puls, und merke dass ich ECHT wütend werde. Obwohl ich die Frauen nicht kenne und es mir eigentlich egal sein könnte, wer da was zum Besten gibt, an vermeintlichen Fakten.
Ist es aber nicht, denn mich beschleicht das ungute Gefühl, dass dieses Gutmenschentum zunehmend ambitionierte Eltern ganz vom Tragen abbringt. Denn, mal ehrlich: wer zum ersten Mal ein Neugeborenes im Haus hat, der ist vor allem darauf angewiesen, möglichst viel Erleichterung und Hilfestellung zu erfahren. Wenige Erfahrungen im Leben sind so tiefgreifend, wie die allererste Elternschaft. Ich habe bisher genau null Elternpaare getroffen, die da noch Ambitionen hatten, eine neue Wissenschaft zu erlernen, nämlich die über das Tragen. EIGENTLICH soll Tragen das Leben mit Säugling leichter machen, die Bindung fördern, die Nähe schaffen, die den meisten Frischlingen die Anpassung an das „draußen“ erleichtert, und im Idealfall im Großstadt- oder sonstigen Dschungel die Mobilität hoch halten, auch ohne Kinderwagenfreundliche S-Bahn Haltestelle in erreichbarer Nähe. Berliner wissen, was ich damit meine.

Die allermeisten Tragehilfen, die auf dem Markt erhältlich sind, erfüllen genau diese Kriterien. Ebenso wie der überwiegende Teil der Tragetücher.
Die Benutzung derselben ist auch kein Hexenwerk, es braucht meist eine gründliche Einweisung und nur einige Tipps und Tricks, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen. Dafür gibt es die Möglichkeit der Trageberatung, neben Videoanleitungen und Bedienhandbüchern. Richtig angelegte, zu den Eltern passende Tragehilfen und richtig gebundene Tücher sind unschätzbare Hilfen im Alltag mit Baby, und dieses Wissen zu vermitteln, sehe ich als meine Aufgabe in der Trageberatung. Völlig unabhängig von dem, was ich privat als Mutter meiner Kinder bevorzuge, beim Tragen.
NICHT meine Aufgabe ist es allerdings, den Eltern bereits angeschaffte Tragen madig zu machen, mahnend darauf zu verweisen, dass Trage X oder Y eh nur im Größenspektrum von 74/80 bis maximal 92 passt (was für ein Unsinn. Ein Body von Unternehmen A in 74 entspricht bei Unternehmen B schon 80. Über die Bein- ,bzw. Oberschenkellänge, die für die Stegbreite entscheidend ist, sagt die reine Konfektionsgröße auch wenig bis nix aus. Soviel mal zur Allgemeingültigkeit von Größenangaben) und bedeutungsschwanger zu erklären, dass das elastische Tuch hinter 9 kg Körpergewicht auch nicht mehr funktioniert.
Ich sehe es als Ziel meiner Trageberatung, Eltern zu ermutigen, ihr Baby zu tragen. Auch, wenn das Baby am Anfang mal weint beim einbinden oder in die Trage setzen. Sich nicht verunsichern lassen, von der Umwelt, von kritischen Blicken, von blöden Sprüchen. Sondern auf ihr Bauchgefühl zu hören und auf sich selber und das Baby zu vertrauen. Dadurch ergibt sich eine tragfähige Tragebeziehung meist nach kurzer Zeit quasi „von selber“ (vorausgesetzt, es liegen keine Blockaden vor).
Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass die Beziehung zwischen Tragling und Träger durchh das Tragen immer inniger wird. Ich glaube sehr fest, dass getragene Babys zufriedener sind, besser schlafen, weniger mit Bauchweh kämpfen und sich insgesamt sehr geborgen fühlen. Tragen liegt in der Natur des Menschen: „Beim Getragen-Werden macht das Kind auch mit dem ganzen Körper aktiv mit, benutzt seinen Halteapparat, seinen Gleichgewichtssinn und überhaupt seine Sinne – es spürt seine Bezugsperson, hört ihre Sprache, nimmt ihre Gefühle wahr und kann aus einem „geschützten“ Raum heraus mit anderen Menschen in Beziehung treten. Es ist auf ganzheitliche Art „eingebunden“.“ (Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor, mehr dazu: www.kinder-verstehen.de)

Die Frage, in welcher Tragehilfe das geschieht, ist für mich absolut nebensächlich. Es gibt einige wenige, die finde ich persönlich wirklich ganz furchtbar. Das Schöne daran ist, dass die in der Regel so unbequem sind, dass sie sich nach kurzer Zeit im Einsatz selber disqualifizieren. Wem die Schultern schmerzen und der Rücken weh tut, wessen Baby sich ganz offensichtlich total unwohl fühlt und weint, auch nachdem der Tragende sich in Bewegung setzt, der wird sich schnell von ganz alleine um eine andere Tragemöglichkeit kümmern und sich Beratung und Hilfe suchen, um etwas bequemeres zu finden.
Was solche Eltern nicht brauchen, sind missionarische, teilweise schon eifernde Kommentare, unsachliche Kritik und virtuell erhobene Zeigefinger. Es ist schön, wenn Eltern die für sich perfekte Trage oder die für sich beste Bindeweise für das Tuch gefunden haben. Damit einher geht aber weder das Recht, andere zu belehren, zu missionieren, zu kritisieren, zu verurteilen und ihnen zu erzählen, was sie alles falsch machen mit ihrem Baby. Noch die Konsequenz, dass das, was für einen selber passt und perfekt ist, für irgendeinen anderen auch so sein muß.
Womit ich wieder am Ausgangspunkt bin: Tragen ist individuell. So, wie jede Familie. Jedes Baby. Ich habe drei Kinder getragen und trage sie noch. Jedes von ihnen passt(e) in eine andere Tragehilfe am besten. Keines von ihnen hat sich jemals dafür interessiert, wie das Tuch aussah, in dem ich sie transportiere. Das behalte ich im Hinterkopf, wenn ich berate. Jedes Baby profitiert von der körperlichen Nähe des Tragens. Das ist elementar, alles andere erstmal Beiwerk. Wer ein bißchen Zeit in Gesichterbuchgruppen zum Thema verbringt, der kann das schnell vergessen. Da kann schnell der Eindruck entstehen, es sei für das Kind mindestens schädlich, in einer Trage transportiert zu werden.
Mir tut es für jede Familie leid, die sich das Tragen von solchen Missionaren verleiden lässt. Für jedes Elternpaar, dass durch die Besserwisser so verunsichert wird, dass es aufs Tragen ganz verzichtet, um bloß nichts falsch zu machen.
Die Frauen, die nichtsahnende Schwangere oder Mütter, die erste Trageerfahrungen machen, da so vor den Kopf stoßen, das sind die Tragetaliban. Den Begriff hat mein Mann geprägt, an einem Abend, als ich mich gar nicht mehr abregen wollte über diesen MIST, der da im Netz kursiert. In einem Tonfall, der mich echt sprachlos gemacht hat. Ich finde, er passt. Und ich finde es höchst befremdlich, bei einem solchen Thema einen dermaßenen Fanatismus zu entwickeln. Mir gefällt das nicht, es steht dem eigentlichen Anliegen - dass mehr Babys häufiger getragen werden – ziemlich im Weg.
Ich wünsche mir sehr, dass die Damen, die sich da immer so ereifern, mal einen Schritt zurücktreten und sich darauf besinnen, wie sie selber sich fühlen würden, wenn sie ungefragt belehrt würden darüber, was alles falsch ist an ihrem Umgang mit dem Baby. Und sich daran erinnern, dass Menschen verschieden sind, und daher auch nicht für alle das Gleiche passt, auf dem großen Tragemarkt. Und bedenken, dass grundsätzlich erstmal jedes Baby davon profitiert, körperliche Nähe beim Tragen zu erfahren. Am Finetuning kann man immer noch arbeiten. Aber bitte freundlich, und nicht fanatisch.